Jahresthemen

Jahresthema 2013: „Männeridentitäten – Männerkrisen – Männerseelen“

„Männeridentitäten – Männerkrisen – Männerseelen“

Spannungsverhältnis von Mann und Frau
In den Gesprächen der TelefonSeelsorge kreist es zunehmend mehr um das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern: Frauen beschweren sich wortreich über zu wenig Nähe und Aufmerksamkeit; ihre Männer seien unemotional, sachlich, wenig einfühlsam. Angesichts zunehmender Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit in der Welt wünschen sie sich einerseits einen Mann mit Schulter zum Sich-Anlehnen (aber bitte nicht autoritär!), der aber andererseits auch verletzlich und empfindsam sein, lieben und sich hingeben können, vor allem berechenbarer und kommunikativer sein soll. In Gesprächen mit Männern geht es neben Klagen über die überfordernden Wünsche und Vorwürfe der Frauen zunehmend um ihr eigenes Selbstbild. Aber was ist denn los mit ihrem Selbstbild?  Die Emanzipation der Frauen hat in den letzten Jahrzehnten das Frauenbild sehr verändert  – aber was hat sich für die Männern getan?
Wir haben „die Männer“ und ihre Befindlichkeit in diesem Jahr zu unserem Thema gemacht, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

Neue Männer braucht das Land
Die nicht mehr ganz Jungen haben ihn noch im Ohr, den Song von Ina Deter aus dem Jahr 1982: Neue Männer braucht das Land. Er wurde zum Credo der folgenden Jahrzehnte, in denen Männer und Frauen sich zwischen Bhagwan und Alice Schwarzer, zwischen feministischer Frauenbewegung und Männer-Selbsterfahrung begannen neu zu erfinden. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ – Herbert Grönemeyer brachte diese Suche mit seinem Refrain des Liedes „Männer“ auf den Punkt: Männer sind so verletzlich…Männer sind unersetzlich. Beide Ohrwürmer spiegeln den Versuch, Mann-Sein neu zu definieren.

Mangel an Vorbildern führt zu Verunsicherung
Und in der Tat veränderte sich in den folgenden 30 Jahren die Rolle der Männer als Konsequenz der Emanzipation in der Gesellschaft bedeutend. Anfang der 80er Jahre sah sich die Mehrheit noch als Ernährer der Familie, die abends kurz zum Spielgefährten ihrer Kinder wurden und sich in Fragen der Erziehung ihrer Frauen unterordneten. Nun sollten sie gemäß den neuen gesetzlichen Regelungen zur Gleichbehandlung der Geschlechter auch umgekehrt  partnerschaftlich miterziehen und zu ihren „weiblichen“ Seiten stehen.
Diese neuen Rollenzuweisungen führen zu großen Verunsicherungen in der männlichen Geschlechterrolle. Denn die Männer wurden teilweise doch selbst noch klassisch männlich erzogen, besitzen also keine angemessenen Rollenvorbilder. Deshalb ist vieles in ihrem Leben unklar geworden.

Wann ist in Mann ein Mann?
Männer stehen unter Druck wie nie, im Beruf, in der Partnerschaft. Die Frauen haben ihre Rollen grundlegend geändert, die meisten Männer stehen noch zwischen alten und neuen Rollenvorstellungen. Sie wollen stärker als früher Partner und Vater sein, Schwächen zulassen, Rollen durchbrechen. Sie wissen aber nicht so recht, wie das geht, vor allem, wie sie dabei trotzdem stark, unabhängig, männlich bleiben können. So schwanken sie zwischen Macho und Softie und finden manchmal (oft) nicht die Balance. Und werden  mittlerweile dafür kritisiert, keine echten Männer mehr zu sein.
 
Gesellschaft und Wirtschaft muss neue Männerrollen fördern
Viele überfordert das. Manche wünschen sich in die alte Ernährerrolle zurück und erhoffen sich darin Bestätigung.  Kein guter Weg, wie wir finden.  2009 veröffentlichten die evangelische und die katholische Kirche eine Männerstudie – ein Ergebnis war, dass Männer in den vergangenen 10 Jahren zwar offener geworden sind für neue Lebensformen, aber kneifen, wenn es darauf ankommt, die in die Tat umzusetzen. Die alten Formen sind zerbrochen, die neuen noch nicht da. Gesellschaft und Wirtschaft müssen neue Männerrollen fördern, sonst gehen die Männer an diesem Spagat kaputt.

Arbeit, Alkohol und Lebenssinnkrise
Manchen packt die „Sinneinsamkeit“ und stürzt sich in Arbeit, Alkohol oder in eine Lebenssinnkrise, die häufig Menschen im Umbruch packt und schnell mit persönlichem und sozialem Versagen gleich gesetzt wird. Auch das erleben wir am Telefon. Männer sterben im Durchschnitt sieben Jahre eher als Frauen, drei von vier Suiziden gehen auf ihr Konto.

Herausfinden aus verordneten Rollenbildern
Wie aber können Männer auf der Individualebene aus den aufgesetzten Rollenbildern herausfinden, die oft genug in Resignation, Trennung oder Burnout enden?  Was wollen sie selber? Denken und fühlen sie anders als Frauen? Gibt es so etwas wie eine Männlichkeit, die aus sich selbst heraus starke und schwache Seiten  gleich glaubwürdig leben kann? Gibt es eine authentische Männlichkeit – jenseits von Macho-Kult und Softie-Gehabe?
Um erhellende Antworten auf diese Frage zu finden, haben wir Björn Süfke eingeladen, Männertherapeut und Buchautor aus Bielefeld, gebürtiger Lübecker. Sein psychologischer Reiseführer „Männerseelen“ ist ein Bestseller.

Öffentlicher Vortrag und Gespräch mit dem Psychotherapeuten und Autor Björn Süfke am Freitag, 23. August  19.00 Uhr  Ev.-reformierte Kirche, Königstr.

„Männerseelen – Kann mir mal einer die Männer erklären?“