Jahresthemen

Jahresthema 2014: „Bindungen – Bindungsmuster – Bindungsstörungen“

Bindungen – Bindungsmuster – Bindungsstörungen

 Das Offenlassen aller, mindestens aber vieler Möglichkeiten ist das Sehnsuchtsgefühl der Gegenwart. Immer und zu jeder Zeit auf noch bessere Möglichkeiten warten, sich nicht festzulegen,  noch alles werden zu können, alles immer noch vor sich zu haben, ewig unentschieden zu sein ist zu einer gängigen Lebenshaltung geworden.  Bei  unseren Anrufenden ist dieses Sehnsuchtsgefühl  oft zu Furcht und Qual mutiert. Auf der einen Seite Furcht, sich durch Bindung  jedweder Art den adäquatesten Partner, den erfolgreicheren Job und überhaupt das bessere, schönere Leben durch die Lappen gehen zu lassen.  Auf der anderen Seite keimt das Bedürfnis nach Dauer und Bindung auf, aber der beruflich notwendige Zwang zur Mobilität  steht dem entgegen. Viele beginnen  voller Furcht zu ahnen, dass das eigene Leben ungelebt an ihnen vorbeiziehen könnte.Unsicherheit und Desorientierung sind zentrale Probleme der Menschen geworden. Das führt dazu, dass viele Menschen Nähe vermeiden oder sogar Ängste vor ihr entwickeln. Sorgen und Probleme machen sie eher mit sich selbst ab.

Können S i e über Ihre Gefühle sprechen? Fällt es Ihnen leicht, auf andere Menschen zuzugehen und sich ihnen zu öffnen? Oder gehen Sie schnell auf Distanz?
Die Art und Weise, wie wir Bindungen zu anderen gestalten, sagt nicht nur etwas über unsere gegenwärtige Situation, sondern auch viel über unsere frühe Kindheit und das Verhalten Ihrer engsten Bezugspersonen aus. Die Art, wie Eltern mit ihrem Kind umgehen, lässt vorhersagen, welche Art von Bindung zu dem Kind entsteht und welche das Kind demensprechend selber entwickelt.

Angeborenes Bindungsverhalten
Sobald ein Ungeborenes das Licht der Welt erblickt, nimmt es mit Stimme und Blick Kontakt zur Mutter auf. Zu seinem Wesen gehört das Bedürfnis nach Gehaltensein und körperlicher Nähe. Und die Mutter weiß instinktiv, was sie tun muss. Dieses angeborene Bindungsverhalten sichert uns seit
jeher das Überleben.  Es kann bei Menschen, aber auch bei höheren Säugetieren  beobachtet werden und ist nach Bowlby ( siehe unten) evolutionsbiologisch verankert.

Das Bindungssystem
Bindung ist also das Ergebnis eines hochkomplexen, interaktiven Wechselwirkungsprozesses zwischen den beteiligten Personen, in die beiden Fähigkeiten einbringen. Doch wie wichtig ist die Bindung des Kindes an die Mutter? Welche Folgen haben Vernachlässigung und zu frühe Trennungserfahrungen?

Die Mutter hilft, Spannungen abzubauen und die Welt erkunden zu können
Der englische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby (1907-1990) und die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary S. Ainsworth (1913-1999)entwickelten die Bindungstheorie:  Bowlby hatte am Ende des 2ten Weltkrieges erforscht, was mit Kindern passierte, die ihre Eltern verloren hatten. Er kam zu dem Ergebnis, dass das kleine Kind die Mutter unbedingt braucht, um  mit Spannungen wie Angst oder Schmerzen umgehen zu können. Es hängt eindeutig von der „Feinfühligkeit“ engster  Bezugspersonen gegenüber dem Kind  in den ersten Lebensjahren ab, ob Bindungssicherheit entsteht oder nicht.  Weder Neugier noch Lernen können entstehen, wenn die Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung und Sicherheit nicht erfüllt werden. Nur wenn eine zuverlässige Pflegeperson in Gefahrensituationen einen „sicheren Hafen“ bietet, kann das System „Exploration“ aktiviert werden,  d.h. die Umwelt erforscht werden. Traumatische Trennungserfahrungen in der Kindheit, die keine Bindung oder nur unsichere Bindung entstehen lassen, können psychische Störungen im Erwachsenenalter hervorrufen.

Wie Kinder auf Trennung reagieren
Gerade in bedrohlichen Situationen suchen kleine Kinder  die Nähe zu einer engen Bezugsperson (Mutter oder Vater), die ihnen Sicherheit geben kann. Aus den Erfahrungen in solchen kritischen Bindungssituationen entsteht bei  Kindern ein inneres Arbeitsmodell für Beziehungen, das auch im späteren Leben die Erwartungen an andere enge Beziehungen (zB. Partner/in) beeinflusst.

Unterschiedliche Bindungsmuster
Sie können sich sicher gebunden zeigen, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent oder desorganisiert/ desorientiert.  Unsichere  Bindungsmuster, die zB. durch Elternlosigkeit ausgebildet werden können, verringerten  die Belastbarkeit  der Kinder,  sie zeigen sich oft ängstlich und hilflos, haben Probleme beim  Aufbau von Sozialbeziehungen und zeigen häufiger Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Delinquenz im Jugendalter. Die frühen Bindungserfahrungen, so folgerte Bowlby,  haben also große Bedeutung für die Auswirkungen auf sein weiteres Leben. Um dies zu verdeutlichen, wählte Bowlby das Bild eines Rangierbahnhofes. Dieser hat ein fächerförmiges auseinanderlaufendes Gleissystem. Allerdings sind diese Gleise durch Weichen miteinander verbunden. Frühe Erfahrungen stellen die Weichen für die Entwicklung des Kindes entlang eines  bestimmten Gleises in diesem System. Je weiter dieses Gleis von der „richtigen Spur“ (einer positiven Entwicklung) wegführt- und je länger das Kind bereits darauf unterwegs ist – desto schwerer wird die Rückkkehr auf die „richtige Spur“.

Kinder brauchen „gute“ und weise Erwachsene
Die Entwicklungspsychologen Klaus und Karin Grossmann fassten zusammen, was Bowlby erkannt hat: Um psychische Sicherheit entwickeln zu könne, braucht ein Kind Erwachsene, die stärker und weiser sind und seine Bindungsbedürfnisse befriedigen.

Aus dem Vertrauen zur frühen Bindungsperson erwächst das Vertrauen zu anderen
Wer als Kind in verzweifelten Situationen Verständnis von den Eltern erhalten hat, der erwartet auch als Erwachsener Verständnis von anderen. Er kann seine Gedanken und seine Gefühle mitteilen. Das trägt zur seelischen Gesundheit bei. Wer nicht mit Verständnis rechnen konnte, der wird auch als Erwachsener gegenüber anderen misstrauisch bleiben und auch für sich selber relativ wenig Verständnis haben. Ein bindungsloser Mensch ist psychisch krank und wegen seiner depressiven und gewalttätigen Neigungen und Impulse eine Bedrohung für sich selbst und andere.
Tröstlich:  Der Entwicklungsweg  ist nicht automatisch für immer festgelegt. Sowohl von der betreuenden Umgebung als auch von dem Kind/ Erwachsenen selber können die Weichen später umgestellt werden, ist Veränderungspotential da.     

Bindungsstörungen
Auch wenn das Kind eine unsichere Bindung entwickelt hat, wird dieses noch als normales Muster der Anpassung gesehen und ist noch kein Zeichen für eine Bindungsstörung. Erst wenn ein Kind über mehrere Jahre kontinuierlich pathogene Bindungserfahrungen macht (Misshandlung, Gewalt, Verlust), kann dies zu Bindungsstörungen führen. Kinder mit einer Bindungsstörung zeigen erhebliche Veränderungen in Bezug auf verschiedenste Bindungspersonen. Diese treten nicht nur in bestimmten Situationen auf, sondern manifestieren sich als festes Handlungsmuster. Als Bindungsstörung wird die Neigung betrachtet, selbst bei geringfügigen Anlässen Bindungsverhalten (also Schutzsuche) zu entwickeln mit einer entsprechenden Haltung: scheinbares Desinteresse an der Beziehung, Misstrauen gegenüber neuen Beziehungsangeboten, unerklärliche Schwankungen im Beziehungsverhalten, übermäßiger Hass, „Als-ob-Persönlichkeiten“.

Immer mehr Single-Haushalte: Einsamkeit als Konsequenz frühkindlicher Bindungen?
Die neuere Bindungsforschung untersucht, ob zwischen den unterschiedlichen Bindungstypen und Einsamkeit ein Zusammenhang besteht.

  1. Der sichere Typ (sicher-gebunden) Er geht schnell Bindungen ein, kann aber auch gut mit sich allein sein. Gegen Einsamkeit ist er sozusagen immun.
  2. Der ängstliche Typ (unsicher-gebunden) Diese Menschen haben das größte Einsamkeitsrisiko, weil sie emotional einsam sind. Sie haben  einen ungestillten Hunger nach Annahme und Wertschätzung, tun aber so, als bräuchten sie niemanden. Sie sehnen sich nach Nähe und fürchten sich  gleichzeitig vor ihr.
  3. Der anklammerndeTyp (unsicher-ambivalent) Er ist unfähig, allein zu sein. Er geht in der Partnerschaft symbiotische Beziehungen ein,  doch soviel man auch gibt, er fühlt sich immer zu wenig geliebt. Alle Fürsorge und Liebe wird misstrauisch angezweifelt.
  4. Der abweisende Typ (desorganisiert/desorientiert) Es handelt sich um den „geborenen“ Einzelgänger. Autonomie statt Intimität ist sein Motto. Weil er schon früh Ablehnung und emotionale Kälte erfahren hat, so die Bindungstheorie, zieht er sich von Menschen zurück und wendet sich lieber Dingen zu. Im Kontakt ist er höflich und freundlich, doch wenn sich etwas zu entwickeln beginnt, kommt er nicht mehr. Er sucht nach Schutz vor der gefährlich erscheinenden Beziehung.

Auch als Erwachsener kann man noch neue Beziehungserfahrungen machen, die Vertrauen fördern und für ein sicheres Gefühl sorgen.;
Solche Beziehungen lassen sich oft im normalen Lebensumfeld finden. Doch nicht alle haben solches Glück. Dann kann eine Gesprächs-Psychotherapie weiterhelfen, in der die Beziehung zum Therapeuten eine sehr wichtige Rolle spielt. Man erhält ein Gespür dafür, welche Beziehungen gut tun und welche nicht. Viele, die solche eine Therapie mache, suchen  sich später einen anderen Freundeskreis.

Und  was kann die TelefonSeelsorge tun?- Wer nicht bei Trost ist, braucht Trost 

  • Die Institution „an sich“ bietet schon eine emotionale korrigierende Erfahrung. Sie ist verlässlich da, – an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr.
  • damit bietet sie eine  unbekannte,  verlässliche physische und psychische Basis
  • In Gelassenheit vertreibt sie die Angst vor Einsamkeit und Tod.
  • Sie schenkt Zuwendung mit klarer Definition der Grenzen und vorsichtiger Trennung.
  • Sie zeigt Bereitschaft zur Unterstützung und zur „Beelterung“.
  • Sie unterstützt Selbstreflexion und die Aufnahme affektiver Beziehungen mit dem Ziel,  gute Beziehungserfahrungen zu verinnerlichen.
  • Sie nutzt für ihre Beziehungsarbeit mit den Anrufenden die  Methoden der strukturbezogenen Seelsorge (Fonagy): spiegeln, antworten, containen, markieren, mentalisieren.

mit freundlichen Grüßen
Ihre
Marion Böhrk-Martin,  Leiterin der TelefonSeelsorge